Lernleitfaden

Materialsammlung zur Sensibilisierung in Hinblick auf das Thema ‚Behinderung‘

Projekt Perspektivwechsel

Einblicke in das „normale“ Leben

Leben in einer Wohngemeinschaft

Schilderung von Anita Donaubauer über ihre Wohnsituation und ihren Tagesablauf:
Ich wohne seit dem fünften Lebensjahr in Einrichtungen für Menschen bzw. Kinder mit einer Behinderung und konnte nur am Wochenende nach Hause fahren. Früher hieß diese Einrichtung Spastikerzentrum, es wurde dann allerdings umbenannt in Integrationszentrum für infantile Cerebralparese oder kurz in ICP. Seit 1997 wohne ich nun im Münchner Förderzentrum.

„Das MFZ ist eine Tochterfirma der ICP Gruppe, die seit 1956 bundesweit anerkannt Spezialeinrichtungen für körperbehinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene unterhält. Das Ziel der Einrichtung ist es, Betroffene in allen Lebens-und Entwicklungsphasen zu fördern und ihnen ein möglichst selbst bestimmtes Leben zu ermöglichen.“
Quelle: Broschüre des Münchner Förderzentrum: „Integrative und individuelle Förderung und Betreuung für behinderte Menschen und Senioren“

Es war sehr wichtig für meine persönliche Entwicklung, dass ich nicht zu Hause gewohnt habe, da ich in der entsprechenden Einrichtung besser gefördert wurde. Denn wenn man zu Hause wohnt, nehmen die Eltern dem Kind natürlich noch zu viel ab. Doch gerade Menschen mit einer Behinderung müssen intensiv zur Selbstständigkeit gefördert werden.

Als kleines Kind hatte ich schon Heimweh und mochte viele Therapiemaßnahmen, wie zum Beispiel meine Nachtschiene, nicht, doch heute weiß ich, dass sie wichtig waren.

Damit man sich das Leben in so einer Einrichtung ein wenig besser vorstellen kann, beschreibe ich euch meine damalige und heutige Wohnsituation. Wir waren auf der Kinderstation zu acht und durften uns ein Zimmer teilen. Auf der Schulkinderstation hatten wir dann zu dritt ein Zimmer. Natürlich wurde es, je älter man wurde, umso schwieriger, ein Zimmer mit anderen zu teilen. Insgesamt kann man sich die Situation und das Leben wie in einem Internat vorstellen. Es gab zwei Erzieher pro Schicht für ca. 16 Kinder. Wir aßen in einem Speisesaal und zur Schule brauchten wir nicht die U-Bahn oder den Bus nehmen, sondern mussten nur einen Stock tiefer im Gebäude gehen. Dieser Umstand war nicht nur praktisch, sondern förderte unsere Selbstständigkeit, da wir selbst zur Schule „fahren“ konnten und nicht auf Hilfe von Anderen angewiesen waren. Mit 21 Jahren musste man früher aus dem Gebäude ausziehen und eventuell in eine andere Einrichtung wechseln, heute ist dies nicht mehr der Fall, weil sich die Einrichtung weiterentwickelt hat.

Ich selbst zog mit 21 Jahren in das Münchner Förderzentrum. Hier lebe ich in einer Wohngemeinschaft und habe mein eigenes Zimmer. Das hatte ich ja vorher nicht.


Das ist mein persönliches Reich.

Die Küche teile ich mir mit meinen Mitbewohnern. Hier kochen wir uns selber etwas Leckeres oder bekommen etwas gekocht. Wir haben immer Einfluss auf den Speiseplan und äußern gerne unsere Wünsche.


Das Bad teilen wir uns auch. Auf dem Foto seht ihr einen Personenlifter. Dieser dient dazu, eine körperbehinderte Person aus einem Rollstuhl herauszuheben und umgekehrt. Der Personenlifter schont den Rücken der Betreuer und gibt uns mehr Sicherheit, da man uns nicht fallenlassen kann, falls dem Betreuer die Kräfte verlassen.

Ein möglicher Tagesablauf von mir:
6:00 Uhr: Anziehen, waschen und Zähne putzen
7:00 Uhr: Frühstücken in der Wohngruppengemeinschaft
8:00 Uhr: Standfahrradfahren (Motomed) als erste Therapiemaßnahme in einer Förderstätte
(Foto einfügen)
9:00 Uhr: Diverse Aufgaben warten auf mich aufgrund der Ziele, die in meinem persönlichen Förderplan für mich erstellt wurden.
(Nähere Informationen zur Förderstätte findet ihr auch unter der Rubrik „Therapien und Hilfsmittel“)
10:30 Uhr: Um diese Zeit gibt es eine Trinkpause
11:00 Uhr: Mittagessen
12:00 Uhr: Pause zum Auslagern aus dem Rollstuhl
14:00 Uhr: Erneutes Arbeiten in der Förderstätte.
15:30 Uhr: Zweite Trinkpause
16:00 Uhr: Feierabend.
Ich gehe zurück auf meine Wohngruppe, in der ich allerdings noch Hausarbeit mit Hilfe der Betreuer oder andere Tätigkeiten erledigen muss, wie zum Beispiel: kochen, aufräumen, waschen oder Freizeitaktivitäten planen.
17:30 Uhr: Abendessen
18:30 Uhr: Abendpflege
Ab und zu schauen wir in unserem Wohnzimmer gemeinsam fern, oder wir machen einen Spieleabend. In der Regel zieht sich jeder Bewohner in seinen eigenen Wohnbereich zurück.
Zwischen 20:30 – 20.45 Uhr ist Bettgehzeit.
Mir wird in dieser Zeit ins Bett geholfen, aber Fernsehen darf ich solange, wie ich möchte und wenn ich ins Konzert oder Kino gehe, wird dies anders geplant.
Ab 22:00 Uhr gehen die Betreuer des Spätdienstes nach Hause und es ist nur noch die Nachtwache vor Ort.


Hobbys

Sport

Sport verbindet.
Für Menschen mit cerebralen Bewegungsstörungen ist Sport ein wichtiger Baustein für die physische und psychische Gesundheit. Der Mensch mit einer Behinderung kann beim Sport Teil eines Teams sein, sich bei seinem Hobby auspowern und Alltagsprobleme bewältigen. Bei besonderen sportlichen Aktivitäten, wie zum Beispiel dem Reiten, sind auch therapeutische Effekte von Bedeutung.

Text „Sport fördert Teilhabe“ hier als .pdf herunterladbar.

Quelle: Berger, Dorothea/ Jürgen Erdmann-Feix/ Matthias Händel/ Eugen Hoch/ Margret Kellner/ Ingrid Schäfer/Michael Schoo/ Reinhard Jankuhn(Hrsg.)(2010), Sport fördert Teilhabe. Sport für Menschen mit cerebralen Bewegungsstörungen. In: Das Band. Zeitschrift für körper- und mehrfachbehinderter Menschen e.V (3/2010): 4-8
www.bvkm.de

Auch wir machen gerne Sport und stellen hier unsere Hobbys vor.

A. Rollstuhlbasketball

Dieser schnelle Sport schult Reaktionsfähig- und Geschicklichkeit und macht einfach Spaß! Er ist nur für im Oberkörper bewegliche Rollstuhlfahrer/innen geeignet. Rollstuhlbasketball kann einerseits im Verein gespielt werden, anderseits bietet auch die Münchner Volkshochschule Kurse für Menschen mit Behinderungen an. Dort gibt es dann einen Kurs für Anfänger, Fortgeschrittene oder sogar für Geübte.

Interview mit Deniz
Deniz du gehst jeden Dienstag deinem Hobby nach. Welches Hobby hast du denn?
– Ich spiele Rollstuhlbasketball … gleich in der Nähe vom 60er Stadion.
Wie lange betreibst du schon diesen Sport?
– Ich glaube so ca. 10 Jahre.
Wie viele Spieler seid ihr da immer?
– Wir spielen meistens fünf gegen fünf. Insgesamt sind die Regeln recht einfach. Man darf halt nur begrenzt oft schieben und muss dann werfen oder abgeben. Und einen Gegner festhalten wird als Foul gewertet.
Auf welcher Position spielst du?
– Ich bin ein Stürmer.
Warum betreibst du diesen Sport?
– Natürlich weil es mir Spaß macht. Es ist eine große Gaudi. Beim Hockey muss man mit einem Elektrorollstuhl fahren und Tore schießen, das ist nicht so meins. Ich mag lieber Basketball.
(Interview wurde von einem Mitglied des Projekts Perspektivwechsel geführt)

B. Elektrorollstuhlhockey

Elektrorollstuhlhockey ist ein langjähriges Hobby von Umut, der uns in einem Interview über diese Sportart gerne etwas verrät:
Wie alt bist du Umut?
– Ich bin 30 Jahre alt.
Welche Sportart betreibst du denn?
– Ich spiele E-Bock-Rolli oder auch Elektrorollstuhlhockey genannt.
Wie lange spielst du das schon?
– Seit ca. 2 Jahre.
Und wann immer?
– Jeden Dienstag von 18:30 – 19:45 Uhr
Wie viele Spieler sind meistens dabei?
– Zehn kommen oft, so dass wir dann fünf gegen fünf spielen.
Welche Position spielst du?
– Ich bin in der Abwehr …also ein Verteidiger.
Warum hast du dieses Hobby?
– Es ist eine Freizeitaktivität, die mir einfach Spaß macht. Vor allem im Team spiele ich gerne.
Gibt es auch eine Liga und Turniere?
– Ja die gibt es, aber wir spielen eher für den Spaß. Da gibt es noch bessere Mannschaften.

– Sicher, es ist auch manchmal ein harter Sport, wenn man aus Versehen gegeneinander fährt. Man muss daher konzentriert spielen und wie in jeder Sportart fair bleiben. Mir macht es sehr viel Spaß. Laut Regelwerk müssen ja alle Spieler im Rollstuhl sitzen, für die Zuschauer gilt dies allerdings nicht… (:
(Interview wurde von einem Mitglied des Projekts Perspektivwechsel geführt)

Elektrorollstuhlhockey bleibt eine Grenzerfahrung, da es eine rasante Sportart für körperlich schwerstbehinderte Menschen ist. Hier ist ein Text herunterzuladen/einzusehen, wenn ihr weitere Informationen über diese Sportart haben möchtet.

Quelle: Berger, Dorothea/ Jürgen Erdmann-Feix/ Matthias Händel/ Eugen Hoch/ Margret Kellner/ Ingrid Schäfer/Michael Schoo/ Reinhard Jankuhn(Hrsg.)(2010), Sport fördert Teilhabe. Sport für Menschen mit cerebralen Bewegungsstörungen. In: Das Band. Zeitschrift für körper- und mehrfachbehinderter Menschen e.V (3/2010): 14-15
www.bvkm.de

C. Reiten für Menschen mit Behinderungen

Das Reiten mit oder ohne Sattel dient der Kräftigung der Muskulatur, der Herabsetzung etwaiger Spastik der Muskulatur, der Gleichgewichts-, Reaktions- und Koordinationsschulung, der Förderung der Raumorientierung und nicht zuletzt dem Selbstbewusstsein.
Folgende Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit man diese Sportart als Mensch mit Behinderung ausüben kann:
1. Die Unbedenklichkeit des Reitens muss mit einem ärztlichen Attest bestätigt werden.
2. Selbstständiges Auf- und Absteigen (mittels Treppe)muss gewährleistet sein oder man muss einen Helfer/in mitbringen.
3. Es besteht immer Reithelmpflicht.

Kino und andere Freizeitaktivitäten

Oft sind die Menschen ganz verwundert, wenn sie erfahren, dass wir lebenslustige Menschen sind, die in der Freizeit gerne etwas unternehmen. Warum denn auch nicht? Wie ihr schon erfahren habt, machen wir gerne Sport, aber auch ganz normale Freizeitaktivitäten. Sei es gemütlich durch München bummeln, in den Zoo gehen, Kinos oder Konzerte besuchen. Natürlich müssen wir das ein oder andere bedenken, wenn wir etwas unternehmen und mehr organisieren. Sei es die Hinfahrt zu den Lokalitäten oder die genaue Recherche wie barrierefrei es dort wirklich ist. So kam es schon mal im Urlaub vor, dass das Hotel, welches als barrierefrei galt, zwar wirklich keine Treppen hatte, die uns behinderten, jedoch die Türen zum Teil zu schmal für einen Rollstuhl waren.

Ein Fußballfan sein


Wir sind zum Teil auch leidenschaftliche Fußballfans. Ob man da im Rollstuhl sitzt oder nicht, macht zum Glück kaum mehr einen Unterschied, da es auch Vereine und Organisationen gibt, die Rollstuhlfahrer unterstützen, damit sie nicht nur im Fernsehen das Spiel ihres Lieblingsvereins verfolgen, sondern sogar live dabei sein können.

Michi erzählt hier von ihrer großen Leidenschaft und den Umständen, wie sie es persönlich erlebt, ein Fan im Rollstuhl zu sein.
Interview mit Michi – Ein Fußballfan im Rollstuhl
Michi du bist eine Bewohnerin des MFZ, welches große Hobby hast du?
– Alle zwei Wochen gehe ich live in die Allianz Arena zum FC Bayern – Spiel.
Ist das denn so einfach möglich als ein gehbehinderter Mensch? Siehst du überhaupt etwas von dem Spielgeschehen aus dem Rollstuhl?
– Ja, wir haben einen abgesperrten Bereich, eine Art Plattform, wo wir über den anderen Besuchern sitzen, und selbst das Geländer ist so niedrig, dass wir im Rollstuhl gut das Spiel verfolgen können. Betreuer und Rollstuhlfahrer sitzen übrigens nebeneinander.
Reichen die Plätze denn, oder ist die Nachfrage höher als das Angebot?
– Es gibt eine Nord- und eine Südkurve, also mehrere Bereiche für die Rollstuhlfahrer.
Hast du denn immer eine Karte bekommen?
– Ja natürlich kam es schon mal vor, dass ich keine Karte bekommen habe, aber in der Regel haben wir Glück.
Wie gelangt ihr zur Allianz – Arena? Werdet ihr gefahren oder müsst ihr selbst mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren?
– Ich persönlich fahre immer mit einer befreundeten Familie im privaten Auto zu den Spielen. Wobei dies ein ganz normales Auto ist und ich mich da schon umsetzen muss. Das heißt, dass es kein umgebautes Auto ist, wo ein Rollstuhl hinein gefahren werden kann, sondern man sich auf die normalen Plätze setzt und der Rollstuhl zusammengeklappt im Kofferraum mitgenommen wird.
Gibt es eine Vergünstigung für Menschen mit Behinderung?
– Früher haben wir die Karten sogar umsonst bekommen. Wenn ich mich richtig erinnere, ging das von der Fifa aus. Heute ist das nicht mehr so, aber wir bekommen eine Vergünstigung.
Darf man als Rollstuhlfahrer alleine in die Arena und sich das Spiel ansehen oder muss man immer einen Begleiter haben?
– In diesem Stadion ist es Pflicht, einen Begleiter dabei zu haben. Es ist nicht immer einfach, einen zu bekommen, vor allem wenn viele Urlaub haben. Man muss sich halt für jedes Spiel jemanden suchen. Wenigstens darf er mich -wenn ich einen gefunden habe- umsonst begleiten.
Gibt es Unterstützung vom FC Bayern München? Oder habt ihr andere Menschen und Vereine, die Menschen mit Behinderung in ihrem Hobby unterstützen?
– Es gibt den Rollwagerl 93 e.V. Er wurde 1993 gegründet und ist ein Verein der unter anderem den FC Bayern München als Sponsoren hat. Dieser Verein stellt manchmal einen Bus, damit wir auch Auswärtsspiele besuchen können, wo wir uns mit einem Eigenanteil noch beteiligen müssen. Auch schauen wir uns, wenn wir schon mal in einer anderen Stadt sind, die Sehenswürdigkeiten in der Nähe an, wie z.B. eine Sternenwarte.
Kommt der FC Bayern München selber auf Menschen mit Behinderung zu? Dürfen die Rollstuhlfahrer auch mal einen Spieler treffen?
– Letztes Jahr zu Weihnachten hat der Spieler „Ivica Olic“ den Rollwagerl 93 e.V. besucht. Wobei dazu gesagt werden muss, dass der FC Bayern München viele verschiedene Vereine unterstützt und gelost werden muss, wer wann welche Besuche oder Zuwendungen bekommt. Der Spieler, der dann ausgelost wurde, besucht uns. Vor zwei Jahren kam der Herr Rummenigge, der war sehr nett. Der Vorstand von dem Verein Rollwagerl 93 macht auch viel möglich.
Wie viele Mitglieder habt ihr im Verein Rollwagerl 93?
– Es sind ca. 500 Mitglieder, wobei nicht alle Rollstuhlfahrer sind, sondern viele Eltern oder Freunde, die uns gerne unterstützen und sich engagieren.
Das hört sich ja gut an…
– Ehrlich gesagt, wollte ich erst kein Mitglied dieses Vereines werden, da ich meine Karten unabhängig wie immer besorgen wollte. Doch es ist schöner in der Gemeinschaft und auch viel einfacher. Wir konnten auch schon in einer starken Gemeinschaft etwas bewirken. So haben wir in Zusammenarbeit mit dem Organisator der Arena einen eigenen Raum vom FC Bayern gestellt bekommen. Dieser ist nur für Rollstuhlfahrer. Dort ist es warm und wir können uns vor dem Spiel treffen. Auch haben wir einen Raum …eher einen Spind, in dem wir Sachen lagern, die wir an Rollstuhlfahrer verkaufen oder verleihen können. Wie zum Beispiel einen Trink- bzw. Brotzeithalter für Rollstuhlfahrer oder Decken, die wir – damit meine ich den Verein – gerne verleihen.
Fühlst du dich wohl und akzeptiert als Fußballfan und aktiver Zuschauer der im Rollstuhl sitzt?
– Ja!
Wir bedanken uns bei Dir für das Interview.
(Interview wurde von einem Mitglied des Projekts Perspektivwechsel geführt.)


Berufe

Für manche Menschen ist ein Beruf ein notwendiges Übel, für andere ist er eine Erfüllung. Für uns ist er ein wichtiger Baustein in unserem Leben. Er gibt uns eine Tagesstruktur und die Möglichkeit der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung. Je nach Schwere der Behinderung kann man in einer ICP- Werkstatt oder in einer Förderstätte arbeiten.

Die nachfolgenden Bilder sowie Texte stammen aus der Broschüre des Münchner Förderzentrums: „Integrative und individuelle Förderung und Betreuung für behinderte Menschen und Senioren“

Arbeiten in der ICP-Werkstatt: Berufsbildende und arbeitspädagogische Angebote

Wie Arbeit und Therapien in den Förderstätten aussehen, könnt ihr unter der Rubrik „MFZ“ einsehen.


Liebe

Da wir ganz normale Menschen sind, haben auch wir Gefühle und Sehnsüchte. Leider sind Liebe und Sexualität bei Menschen mit Behinderung oft ein Tabuthema. Dem wollen wir ebenfalls entgegentreten. Im Folgenden findet ihr einen aufschlussreichen Text zu dieser Thematik.

Quelle: „Behinderung und Sexualität“, hrsg. von der Spastikerhilfe Berlin eG. Erscheinungsdatum Oktober 2009. S. 4-5

Tipp für die Lehrer:
Es gibt eine Reihe von Filmen, die das Thema „Behinderung und Sexualität“ thematisieren.
Beispiele findet man u.a. auf der Internetseite des Wuppertaler Medienprojekts: www.medienprojekt-wuppertal.de
In der Filmreihe »Behinderte Liebe« beschreiben junge Menschen im Alter zwischen 14 und 26 Jahren mit unterschiedlichen Behinderungen offen ihre Erfahrungen, ihre Wünsche und Ängste zu Liebe und Sexualität. Die 10- bis 30minütigen Dokumentationen sollen als Bildungsmittel der Aufklärung und Sensibilisierung für junge behinderte und nichtbehinderte Menschen dienen.


Selbst– und Fremdbestimmung

Jeder Mensch ist froh, wenn er unabhängig und frei ist, de facto über sich selbst bestimmen kann. Menschen mit Behinderung haben meist Handicaps, die sie in ihrer Selbständigkeit und in ihrem täglichen Leben einschränken. Ein wichtiges Ziel in der Förderung, Rehabilitation und Unterstützung behinderter Menschen in Deutschland ist es, behinderungsbedingte Einschränkungen in der Selbständigkeit derart zu kompensieren, dass dennoch ein weitgehend selbstbestimmtes Leben möglich ist. Theoretisch ist es denkbar, dass Menschen, die ohne Unterstützung nicht selbständig leben können, trotzdem selbstbestimmt leben. Dies setzt voraus, dass die notwendigen Strukturen und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden und die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen respektiert werden. In der täglichen Praxis leben grundsätzlich alle Menschen in einem Spannungsfeld zwischen Selbst- und Fremdbestimmung, da jeder Mensch äußeren Einflussfaktoren ausgesetzt ist, die ihn gegebenenfalls dazu bewegen, Dinge zu tun oder unterlassen, die er aus eigener Motivation anders entschieden hätte. Bei Menschen mit Behinderung ist dies natürlich noch verstärkt der Fall.

Manchen Menschen ist es leider nicht möglich, eigene Entscheidungen zu treffen oder diese zu äußern. Sie überblicken häufig nicht die Tragweite ihrer Entscheidungen und sind in der Gefahr sich oder andere zu schädigen. Daher sind vor allen Dingen starke geistige Einschränkungen häufig der Grund eine gesetzliche Betreuung zu benennen. Ein gesetzlicher Betreuer ist von Gesetz her jedoch daran gehalten, wann immer möglich, den natürlichen Willen des zu betreuenden Menschen zu respektieren. Entscheidungen gegen eine eindeutige Willensäußerung bedürfen gewichtiger Argumente.

Wie ein solches Betreuungsverfahren aussieht, soll hier dargestellt werden.
Die folgenden Informationen stammen aus der Broschüre „Rechtliche Betreuung – Eine Information der Betreuungsstelle“, (Hrsg.) der Landeshauptstadt München, Sozialreferat, Amt für soziale Sicherung.

1. Das Betreuungsrecht:
Wir alle können durch eine Krankheit, einen Unfall oder im Alter in eine Lage kommen, in der wir für uns selbst keine Entscheidungen mehr treffen können. Früher wurde in solchen Situationen vom Vormundschaftsgericht ein Vormund oder Pfleger bestellt. Die betroffene Person hatte damit in der Regel alle Rechte verloren.
Mit dem Betreuungsrecht von 1992 kann kein Erwachsener mehr entmündigt werden. Das Vormundschaftsgericht kann einen rechtlichen Betreuer bestellen, wenn wichtige Angelegenheiten geregelt werden müssen und andere Hilfen nicht ausreichen.

2. Was bedeutet Betreuungsanregung für Sie als Betroffenen?
. Sie werden nicht entmündigt.
. Sie werden eventuell psychiatrisch untersucht.
. Sie müssen angehört werden und können ihre Wünsche und Interessen äußern.
. Wenn eine rechtliche Betreuung angeordnet wird, können Kosten entstehen.

3. Was bedeutet eine Betreuungsanregung für Sie als Angehörigen?
. Sie sollen sich äußern können.
. Vorrangig kommen Sie als rechtlicher Betreuer in Betracht, wenn Sie bereit und geeignet sind.
. Es entstehen für sie keine Kosten.

Ein wichtiger Baustein in diesem Verfahren ist die Betreuungsstelle. Doch was verbirgt sich hinter diesem Namen und welche Aufgaben hat sie?

Die Betreuungsstelle stellt sich vor:
Die Betreuungsstelle ist eine städtische Behörde. Wir, die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen der Behörde arbeiten stadtteilnah in den Sozialbürgerhäusern oder den Dienststellen des Allgemeinen Sozialdienstes und kennen deshalb die Verhältnisse vor Ort. […]
Warum nehmen wir mit Ihnen Kontakt auf?
Das Vormundschaftsgericht hat uns beauftragt, zu klären, ob für Sie bzw. ihren Angehörigen eine rechtliche Betreuung angeordnet werden muss.
Was sind Aufgaben der Betreuungsstelle?
Wir informieren sie über den Ablauf des Verfahrens. Wir führen persönliche Gespräche und fragen nach Wünschen und Vorstellungen. […]Und wann immer es möglich ist, versuchen wir eine rechtliche Betreuung zu vermeiden.
Wir klären ab, ob
. Die Unterstützung durch Angehörige ausreicht.
. Vollmachten bestehen oder erteilt werden können.
Bei Bedarf ziehen wir andere Dienste hinzu. […] Manchmal genügt es, wenn diese Stellen bei der Beantragung von Sozialleistungen, bei der Vermittlung eines Pflegedienstes oder der Bearbeitung der Post unterstützen. In diesen Fällen empfehlen wir dem Vormundschaftsgericht, das Betreuungsverfahren zu beenden. Nur wenn andere Hilfen nicht ausreichen, schlagen wir dem Gericht vor, eine rechtliche Betreuung anzuordnen. Bei der Betreuerauswahl berücksichtigen wir Wünsche und familiäre Beziehungen.
Das Ergebnis unserer Überlegungen teilen wir Ihnen mit. Das Vormundschaftsgericht erhält von uns eine schriftliche Stellungnahme. Unsere Vorschläge sind eine wichtige Grundlage für die Entscheidung des Vormundschaftsgerichts.

Nachdem wir die rechtlichen Grundlagen aus der Broschüre „Rechtliche Betreuung – Eine Information der Betreuungsstelle“ der Landeshauptstadt München erfahren haben, wenden wir uns jetzt der persönlichen Seite dieses Themas zu.

„Selbst– und Fremdbestimmung“ ein Wortpaar, welches auf den ersten Blick gar nicht erkennen lässt, welche Problematiken sich hinter ihm verbergen und welche Spannungen im täglichen Leben aus ihm entstehen können. Wir Menschen mit Behinderung kämpfen oft ein Leben lang für Anerkennung und Akzeptanz in der Gesellschaft. Wir wollen selbstbestimmt leben und müssen trotzdem täglich erfahren, dass unsere Behinderung uns zum Teil so stark einschränkt, dass wir auf fremde Hilfe angewiesen sind und somit fremdbestimmt werden. Dies fängt schon bei einfachen alltäglichen Tätigkeiten an, wie zum Beispiel beim Gang auf die Toilette, bei dem man darauf angewiesen ist, den Pfleger/Betreuer um Hilfeleistung zu fragen und gegebenfalls akzeptieren muss, dass dieser vielleicht erst in zehn Minuten Zeit für einen hat. Größere Ausmaße nimmt es an, wenn es um grundlegende Entscheidungen für die eigene Lebenswelt geht.
Natürlich darf man dabei nicht vergessen, dass der Betreuer Verantwortung trägt und er nach seinem Gewissen handeln muss. Dass man dann das ein oder andere Mal nicht einer Meinung ist, liegt in der Natur der Sache.

Arbeitsaufträge


Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zu eurer Wohnsituation in der Familie? Schreibt die Unterschiede oder Gemeinsamkeiten auf und überlegt euch mögliche Gründe für diese.


Arbeitsblatt: Thema Hobbys hier als .pdf herunterladbar


Malt ein Bild von Menschen im Rollstuhl wie sie Basketball spielen oder eine andere Sportart ausüben.


Was bedeutet Barrierefreiheit? Klärt die Bedeutung dieses Begriffes.


Ihr habt eben gelesen, dass es ein Ziel der ICP-Werkstatt ist, die Betroffenen wenn möglich wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Was ist der Unterschied zwischen dem ersten und zweiten Arbeitsmarkt?


Sucht weitere Informationen zu dieser Sportart aus dem Internet heraus und klärt z.B. die folgenden Punkte:
. Wer kann bzw. darf beim Elektrorollstuhlhockey mitmachen?
. Schreibt Begriffe heraus, welche diese Sportart am besten eurer Meinung nach beschreiben würden. (z.B. in Form einer Mind – Map)
Tipp: www.elektro-rollstuhl-sport.de


Besucht doch mal die Seite des ‚Rollwagerl 93 e.V.‘ www.rollwagerl.de


Was wir und unsere Betreuer zum Teil bedenken müssen und welche Problematiken dabei entstehen können, könnt ihr selbst in einem Rollenspiel erfahren.
Rollenspiel Kinobesuch hier als .pdf herunterladbar


Hier sind einige Beispiele, in denen keine Einigung erzielt werden konnte. Wie würdet ihr entscheiden?
. Ein Mensch mit einer schweren Behinderung möchte gerne morgens ohne Begleitung seine Brötchen holen. Der Vater, der auch der gesetzliche Betreuer ist, hält dies für zu gefährlich und möchte es nicht. Welchen Kompromiss könnte man finden?
. Ein Mensch mit einer schweren Behinderung möchte sich für sein angespartes Geld ein neues Möbelstück kaufen. Der gesetzliche Betreuer möchte dagegen mit diesem Geld erst alle Rechnungen bezahlen. In welchem Maße sollte er über das Geld von ihm verfügen dürfen?

Für die Oberstufe:
. Was bedeutet es, dass jeder Mensch und somit auch ein Mensch mit schweren Behinderungen ein Recht auf Sexualität hat? Darf man als gesetzlicher Betreuer käufliche Liebe dem Betroffenen verweigern?